Nachhaltige Marktwirtschaft

Bürgerstrom

Animal Spirits – animalische Geister – tierische Geister – Tiergeister – Lebensgeister – Lebenskraft – John Maynard Keynes

Als John Maynard Keynes im Jahr 1936 sein Hauptwerk "Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes" (The General Theory of Employment, Interest and Money) veröffentlichte, erklärte er, dass Investitionen und Konsum nicht nur eine Frage rationaler mathematischer Berechnungen sind, sondern auch von menschlichen emotionalen Grundbedürfnissen beeinflusst werden können.
Er nannte diese Verhaltensursache „Animal Spirits“.

Grundlegender Unterschied zwischen Neoklassik und Keynesianismus

Die klassische oder neoklassische Wirtschaftstheorie geht davon aus, dass Investitionen bzw. die Produktion den Konsum bzw. die Güternachfrage und die Beschäftigung steuern.
Flapsig ausgedrückt: Unternehmen wissen besser, was Konsumenten nachfragen und brauchen.
Ich nenne das „intrinsisches Kalkül“ von Unternehmen. Wirtschaft, Gewinn und Wachstum stehen im Mittelpunkt. Das ist die "Kaltherzigkeit des Kapitalismus".

In den Überlegungen von Keynes ist es umgekehrt: Die Güternachfrage bestimmt das Maß der Produktion und der Beschäftigung. (Alternativ formuliert: Die Ausgaben bestimmen das Maß der Einnahmen und der Beschäftigung.) Ich nenne das „extrinsisches Kalkül“ von Konsumenten. Es besteht die Möglichkeit, Nachhaltigkeit in den Mittelpunkt von Handlungen und Unterlassungen zu stellen, das bedeutet, die Begriffe Gewinn und Wachstum auch auf externe Betrachtungen auszuweiten, wie ökologische oder gesellschaftliche Perspektiven.
Das ist die Möglichkeit der "Warmherzigkeit des Kapitalismus".

Was bist du Wirtschaft? Was bist du Kapitalismus?

Bereits dieses eine Beispiel zeigt, wie fundamental unterschiedlich makoökonomische und mikroökonomische Grundüberzeugungen sein können. Die Wirtschaftswissenschaft hat ein grundlegendes Problem. Sie weiß nicht, wohin sie gehört. Ist sie eine Realwissenschaft wie die Naturwissenschaft, Sozialwissenschaft oder Geisteswissenschaft? Oder ist sie eine Formalwissenschaft wie die Mathematik? Betrachten wir Wirtschaft philosophisch oder mathematisch?

Egal, ob Sie Anhänger*in der einen oder der anderen Wirtschaftstheorie oder von anderen möglichen Wirtschaftsweisen sind. Fragen Sie sich, wie abstrakt die Theorie ist und fragen Sie sich dann, wie die Realität zu der jeweiligen Theorie passt. Bei einem Vergleich können Sie dann weiter fragen, warum die klassischen, neoklassischen oder neoliberalen Wirtschaftstheorien immer noch eine fast absolute Dominanz haben, obwohl sie bereits vielfach als bestenfalls unvollständig erachtet werden können (Finanzkrisen, Schuldenkrisen, Energiekrisen, Beschäftigungskrisen, Umweltkrisen etc.).

Geben Sie sich eine Antwort auf folgende Fragen:

When my information changes, I alter my conclusions. What do you do?
Wenn sich meine Informationen ändern, ändere ich meine Schlussfolgerungen.

Und was tun Sie?
John Maynard Keynes

The difficulty lies not so much in developing new ideas as in escaping from old ones.
Die Schwierigkeit besteht nicht so sehr darin, neue Ideen / Gedanken / Vorstellungen zu entwickeln, sondern sich von alten zu lösen / zu befreien.
John Maynard Keynes

Juristen-denken – Ökonomen-denken

Fragen Sie einen Juristen nach seiner Meinung zu einer Sachlage, antwortet er: „Es kommt darauf an …!“; „Prüfen wir den Sachverhalt!“; „Wie gut sind die Beweise?“; „Wie ist die Gesetzeslage?“ Fragen Sie einen Ökonomen nach seiner Meinung zu einer Sachlage, antwortet er: „Ich bin (fest) davon überzeugt, dass …“; „Die Experten, die ich kenne, sind ebenfalls meiner Meinung!“ „Wie ich bereits ausführte, habe ich belegt, …“

Juristen haben den Vorteil entweder Berater, Verteidiger, Staatsanwalt oder Richter zu werden. Je nach Auftrag kann sich der Blickwinkel ändern. Die Chance auf Flexibilität besteht, seine Meinung zu ändern, insbesondere wenn sich neue Erkenntnisse oder Beweislagen ergeben.

Ökonomen legen sich oft früh fest in ihrem Weltbild über die Wirtschaft. Die meisten glauben, dass sie rational ökonomisch denken und mathematisch fast alles herleiten können. Ob in der klassischen, der neoliberalen oder der Postwachstumsfraktion. Es besteht wenig Raum für grundlegend neue Ideen, insbesondere weil es sich die meisten Ökonomen einfach machen, indem sie den Faktor Mensch und externe Faktoren ausblenden und sich dem Massenkonsum und den Wirtschaftsgütern widmen.

Auch wenn John Maynard Keynes nicht in allen seinen Überlegungen recht haben konnte, war er bereit, sich von den alten Denkmustern zu lösen. Auf Seite 81/82 seines Buches "The General Theory of Employment, Interest and Money" schreibt er:

Even apart from the instability due to speculation, there is the instability due to the characteristic of human nature that a large proportion of our positive activities depend on spontaneous optimism rather than on a mathematical expectation, whether moral or hedonistic or economic.

Most, probably, of our decisions to do something positive, the full consequences of which will be drawn out over many days to come, can only be taken as a result of animal spirits - of a spontaneous urge to action rather than inaction, and not as the outcome of a weighted average of quantitative benefits multiplied by quantitative probabilities.

Enterprise only pretends to itself to be mainly actuated by the statements in its own prospectus, however candid and sincere.

Only a little more than an expedition to the South Pole, is it based on an exact calculation of benefits to come. Thus if the animal spirits are dimmed and the spontaneous optimism falters, leaving us to depend on nothing but a mathematical expectation, enterprise will fade and die; - though fears of loss may have a basis no more reasonable than hopes of profit had before.

Frei übersetzt: Abgesehen von der Instabilität, die auf Spekulationen zurückzuführen ist, gibt es die Instabilität, die auf die Eigenschaft der menschlichen Natur zurückzuführen ist. Insbesondere weil ein großer Teil unserer positiven Aktivitäten eher von spontanem Optimismus abhängt, ob nun moralisch, hedonistisch (= genießerisch, genussvoll, lustvoll, sinnenfreudig, sinnlich) oder wirtschaftlich und nicht so sehr von einer mathematischen Erwartung.

Wahrscheinlich können die meisten unserer Entscheidungen, etwas Positives zu tun, dessen volle Konsequenzen sich über viele Tage hinziehen werden, nur als Ergebnis eines animalischen Geistes getroffen werden - eines spontanen Drangs zum Handeln statt zur Untätigkeit, und nicht als Ergebnis eines gewichteten Durchschnitts von quantitativen Vorteilen multipliziert mit quantitativen Wahrscheinlichkeiten.

Das Unternehmen tut nur so, als ob es sich hauptsächlich von den Aussagen in seiner eigenen Werbeschrift leiten ließe, so ehrlich und aufrichtig diese auch sein mögen.

Nur ein wenig mehr als eine Expedition zum Südpol, beruht sie auf einer genauen Berechnung des zu erwartenden Nutzens. Wenn also der animalische Geist gedämpft wird und der spontane Optimismus schwindet, so dass wir uns nur noch auf eine mathematische Erwartung verlassen, wird das Unternehmen verblassen und sterben, auch wenn die Befürchtung von Verlusten ebenso wenig begründet sein mag wie die Hoffnung auf Gewinne.

Wie lange warten ist lange genug warten, um das Richtige zu tun?

Reflexive und restaurative Nostalgie

In der Psychologie gibt es die Begriffe „reflexive Nostalgie“ und „restaurative Nostalgie“.
Zu welchem Typ zählen Sie sich? Eher der Typ, der die Vergangenheit reflektiert, um daraus zu lernen und Neues zu wagen? Oder eher der Typ, der die „guten alten Zeiten“ zurücksehnt (restauriert), dass es wieder so werden soll, wie es früher einmal war?

Aktuell haben wir in der Europäischen Union die Diskussion, ob Atomkraft und fossiles Gas nachhaltige Energieträger sind. Das ist ein klassisches Beispiel für restauratives Denken – weiter machen, wie bisher, egal zu welchem Preis. Reflexiv wäre, dass man dankbar ist, dass Atomkraft und fossile Brennstoffe zu ihrer Zeit uns Wohlstand gebracht haben. Wir haben nun die Risiken erkannt (Verstrahlung und Klimawandel) und lernen daraus. Und wir sagen uns: „Mit erneuerbaren Energien sichern wir unseren Wohlstand der Zukunft, ohne dem Klimawandel und dem Artensterben weiter Vorschub zu leisten.“

Freiheit und Demokratie

Es gibt keine absolute Freiheit in einer Gesellschaft, es gibt Freiheit im Miteinander. Der Geist kann absolut frei denken. Das Handeln oder Unterlassen muss sich aber auch an Gemeinwohl, Gesellschaft und Umwelt orientieren. Demokratische Freiheit eben. Nicht nur im Hier und Jetzt, sondern auch für nachfolgende Generationen.

Das Bundesverfassungsgericht hat zum Klimaschutzgesetz und der „Bundesnotbremse“ zwei Entscheidungen gefällt, die den Begriff der Freiheit umfassend definieren. Dabei steht immer im Vordergrund, ob eine Freiheitseinschränkung verhältnismäßig ist, das heißt: erfüllt die Maßnahme einen legitimen Zweck, ist sie geeignet, erforderlich und angemessen?

Fakten – Wissen – Meinung – Urteil - Reaktanz

Im Rahmen meiner langjährigen Aktivitäten zum Klimaschutz werde ich immer wieder mit Verschwörungsideologien und psychologischer Reaktanz (Ablehnung und Widerstand) konfrontiert. Wissen und Fakten stehen häufig konträr zu Meinung und Urteil.

Wir wissen seit Jahrzehnten - mittlerweile zweifelsfrei, wie und dass die Klimagase (CO2, Methan und andere), die durch menschliches Handeln zusätzlich in die Atmosphäre gebracht werden, zur Klimaerwärmung beitragen. Dennoch schaffen wir es bis heute nicht, klare und eindeutige Aussagen und Handlungen zur Reduzierung der Klimagase zu erreichen, auch nicht auf der Weltklimakonferenz (26. COP in Glasgow im Nov 21).

Die Reaktanz-Trigger (Wachstum, Arbeitsplätze, Wohlstand, Verarmung, Stromausfälle, "Frieren im Winter", „Die Sonne scheint nicht in der Nacht.“, Verzicht etc.) sind implementiert im Stammhirn der Ökonomie und lassen nur wenig Spielraum für Nachhaltigkeit, die auch die ökologischen und sozialen Aspekte sinnstiftenden Wirtschaftens betrachten.

Nachhaltigkeit – Ultima Ratio

Auch bei meinem Hauptthema Klimaschutz – Nachhaltige Marktwirtschaft gilt dies. Wir können den menschengemachten Klimawandel nicht aufhalten. Er findet bereits statt. Wir können aber die Auswirkungen auf uns Menschen, die Umwelt, die Arten und das Klima hinauszögern und abmildern. Wir werden lernen, mit den sich verändernden Bedingungen umzugehen.

Das bedeutet aber nicht in erster Linie Verzicht und Verbote, das bedeutet in erster Linie Wandel, Veränderung, lösungsorientiertes Handeln und Unterlassen.
Wenn es aber als Ultima Ratio nicht anders geht, dann kann auch ein Verbot oder eine Pflicht eine Option sein.

Wir haben unbegrenzte Möglichkeiten, den menschengemachten Klimawandel wirksam und positiv zu begleiten. Nehmen wir die Optionen heute freiwillig und überzeugt wahr, bleiben uns und den nachfolgenden Generationen künftige Ultima-Ratio-Optionen möglicherweise erspart.

Dietmar Helmer, veröffentlicht am 2022-03-26